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Kult-Autor hat Mehrow als neue Heimat entdeckt

Kult-Autor
Joachim Walther
Telefon:03 33 94/57 51 02
Website:www.taulos.de

Verboten gute Geschichten!

Stand: Oktober 2017

Trampen war in den 1970-er Jahren die Reisemethode mit höchstem Freiheitsgefühl. Wer in der DDR und im Ostblock mit „Daumen hoch“ unterwegs war, hatte als „Bibel“ meist „Ich bin nun mal kein Yogi“ in der Hosentasche.

Mit diesem Kultbuch hatte es der Autor Joachim Walther geschafft, wieder mal „dem Staat“ eins auszuwischen. Er erinnert an das immense Aufsehen, das sein 1975 erschienenes Werk verursacht hatte.

Und nächstes Jahr am Balaton
„Daraus wurden sogar ein Rockmusical sowie 1980 der Spielfilm ‚Und nächstes Jahr am Balaton’.“ Er lief in den Kinos der DDR, ein Jahr später im DFF und zeitversetzt um ein weiteres Jahr in der west­deutschen ARD.
Renommierte Stadttheater der DDR waren damals ebenfalls im Yogi-Fieber. Diesen immensen Erfolg hatte der Autor errungen, obwohl er aufgrund seiner Freiheitsliebe immer wieder in Konflikt mit der DDR-Zensur geriet.

Schriftsteller und Stasi
Heute ist er eine Ikone der ostdeutschen Literatur. Er ist einer der weniger seiner Zunft, die sich vom SED-Regime nicht kompromittieren ließen. Damit steht er im Gegensatz zu vielen gefeierten „Stars“, darunter Ex-Schriftsteller­verbands-Präsident Hermann Kant und Christa Wolf. In einem Forschungsprojekt in der Gauck-Behörde arbeitete er diese Zusammenhänge detailliert heraus. „Sicherungsbereich Literatur“ gilt als Standardwerk zur Ver­strickung der DDR-Autoren mit dem Sicherheitsapparat.
Im Oktober 2017 konnte Joachim Walther in seiner Wahlheimat Mehrow den 74. Geburtstag feiern. Kurz zuvor ist sein jüngster Roman „Himmelsbrück“ erschienen, in dem es wieder um sein Lebensthema, nämlich Menschen, die um Freiräume kämpfen, geht. Damit hatte der Sohn einer Säuglingsschwester und eines Beamten bis zur Wende auf vielen Ebenen zu tun: Er war Heraus­geber, Lektor, Autor von Hörspielen, Romanen und Kinderbüchern, Journalist und findiger Kritiker der verstaubten Verhältnisse in der DDR!

Hausverbot beim Rundfunk
Joachim Walther sammelte gleich nach dem Abitur 1962 in Chemnitz Erfahrung am dortigen Theater, als Schlosser und Bühnenarbeiter. Danach ging es zunächst steil aufwärts: Nach dem Studium der Literatur- und Kunstwissenschaften an der renommierten Berliner Humboldt-Universität schaffte er es nach kurzer Zwischenstation als Lehrer 1968 ins Lektorat vom Buchverlag „Der Morgen“, wo er es bald zum Herausgeber brachte. Zugleich schrieb er später für die „Weltbühne“. Sein Erstlingsroman „Sechs Tage Silvester“ erschien 1970.
Bereits zwei Jahre später erschien „Zwischen zwei Nächten“, ebenfalls im Verlag „Neues Leben“. Zeitgleich wurde er, was durchaus als Ehrung zu verstehen war, in den offiziellen „Schriftstellerverband“ aufgenommen.
Schließlich kam es zum Höhepunkt mit dem Tramper-Kultbuch „Ich bin nun mal kein Yogi“, das eine Sensationsauflage von einer viertel Million verkaufter Bücher im In- und Ausland erreichte. „Davon kann man heute nicht mal mehr träumen“, weiß Joachim Walther.
Die Begeisterung für den damals langhaarigen Bartträger hielt sich aber bei den Kulturwächtern eher in Grenzen. Walther, der viele Hör­spiele verfasste, bekam wegen „ungebührlichen Aussehens“ zeitweise Hausverbot beim Rundfunk der DDR.

Verbotene Hörspiele
Etliche seiner Hörspiele schafften es nicht zur Realisierung im eigenen Land oder die Sendungen wurden verhindert. „Also habe ich sie in den Westen gegeben, was mir Strafen wegen Devisenvergehens einbrachte!“
Walther war Mitglied in der Redaktion der neugegründeten Literaturzeitschrift „Temperamente“. Dort gab es wohl zuviel Temperament, so dass es 1978 zur Entlassung der gesamten Redaktion „aus politischen Gründen“ kam. Wenige Jahre später traf dies Joachim Walther im Verlag „Der Morgen“. Die staatliche Zensur hatte die Nase davon voll, dass hier immer wieder versucht wurde, junge und kritische DDR-Autoren zu Wort kommen zu lassen. Darunter war Stefan Heym, der ebenfalls mit dem SED-Regime aneinander geriet. Nach der Wende knüpfte Joachim Walther an das damalige Engagement an.
Er gründete zusammen mit Weltrekord-Sprinterin Ines Geipel 2004 das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“. Die „verbotenen“ Werke erschienen ab 2005 in der Reihe „Die Verschwiegene Bibliothek“ der Bücher­gilde Gutenberg.

Provokation mit August dem Starken?
Um sich in der DDR treu zu bleiben und dem Konflikt mit dem Staat dennoch auszuweichen, hatte sich Joachim Walther in den 1980-er Jahren ein historisches Thema für einen weiteren Roman ausgesucht. Doch dass „Bewerbung bei Hofe“ 1982 wirklich erscheinen konnte, ist einer Panne des Systems zu verdanken: „Das Buch war abgelehnt worden, da die Zensoren eine zu starke Parallelität zwischen dem Zentralismus von August dem Starken und der DDR sahen. Zudem hatte der Sachsen-König mit der ‚Geheimen Staatskanzlei’ schon eine Art Stasi etabliert. Aus Versehen war die Ablehnungsbegründung im Manuskript vergessen worden. Ich nahm diese zum Anlass, mich beim Ministerium über die unhistorischen Anschuldigungen der Zensoren zu beschweren und ließ durchblicken, dass ich in dem Land leben will, wo ich veröffent­lichen darf. Da hat es wohl im Gebälk der Partei kräftig rumort. Sechs Wochen später durfte das Buch doch erscheinen.“
Allerdings ließ die Retourkutsche nicht auf sich warten: Der aufmüpfige Autor wurde vom „Morgen“ entlassen. Damit war Joachim Walther ab 1983 hauptberuflich „freier Autor“. Seine Nische fand er in Kinder­büchern, denn „die standen weniger unter Beobachtung“.

Zweite Geburt
Viele davon entstanden auf dem Einödhof in Mecklenburg, wohin sich Walther damals zurückgezogen hatte. Dadurch hätte er fast die Wende verpasst, denn die Volksbewegung 1989 war hier, im hintersten Dorf, logischerweise weniger spürbar.
Dennoch ist er über die damalige „Revolution“ immer noch glücklich: „Das war wie eine zweite Geburt, ich freue mich noch heute darüber.“
Seine Kritikfähigkeit hatte er dadurch aber keineswegs verloren. So machte er sich als Vize-Vorsitzender des Schriftstellerverbands für die Ablösung des durch Stasi-Spitzeltätigkeit diskreditierten Hermann Kant stark. Er war im Präsidium vom PEN-Zentrum, zuletzt 1996 als Vize-Präsident. „1998 bin ich mit 80 anderen Schriftstellern, darunter Nobelpreis­trägerin Herta Müller, aus­getreten, weil der Verband die DDR-Diktatur zu lasch aufarbeitete. Später ging es um eine Resolution gegen den Nato-Einsatz im Kosovo, den wir aber für durchaus richtig hielten.“

Sauer auf Fluglärm
Joachim Walther hat sich 2013 für das ruhige Mehrow als Wahlheimat entschieden. Vorher hatte er in Grünheide gewohnt.
„Ich reagiere sehr empfindlich auf Fluglärm und wollte Schönefeld ausweichen. Jetzt habe ich mir dafür den Fluglärm von Tegel eingehandelt. Wenn ich Pech habe, wird der niemals geschlossen“, ärgert sich der streitbare Schrift­steller.
Dabei müsste der freiheits­liebende „Tramper-König des Ostens“ doch Sinn für Freude am Reisen haben!